Danzig ? einst mächtige Hansestadt und führende Metropole im Ostseeraum ? kündete jahrhundertelang vom kosmopolitischen Bürgersinn mächtiger Kaufleute, der sich in der Architektur der Stadt an der Mottlau selbstbewusst manifestierte. Bis heute zeugen, dank des Wiederaufbaus der bei Kriegsende fast völlig zerstörten Stadt, mächtige Kirchen und prächtige Bürgerhäuser von Danzigs einzigartiger Kultur.
Danzigs Geschichte fand lange Zeit wenig Aufmerksamkeit jenseits nostalgischer Abgesänge auf das alte »deutsche« Danzig, sieht man von der spezifischen Danzig-Literatur etwa bei Günter Grass, Stefan Chwin oder Pawel Huelle ab. Nun jedoch legt der Propyläen Verlag eine neue Geschichte Danzigs vor, deren Verfasser, der Nürnberger Historiker Frank Fischer, zur jüngeren Generation gehört. Diese Neuerscheinung greift einen Trend auf, der seit einigen Jahren feststellbar ist: die Wiederentdeckung der östlichen Landschaften Europas. Nach dem Fall der Mauer kehren vielfach längst vergessen geglaubte Regionen wie Galizien, die Bukowina, Ostpreußen oder Schlesien in das historische Gedächtnis zurück. Ebenso verhält es sich mit den Städten. Lemberg, Wilna, Czernowitz, Odessa, Breslau ? sie alle erfahren ein neues Interesse. Das liegt vor allem daran, dass der östliche Teil Europas wieder uneingeschränkt zugänglich ist; Gleiches gilt auch für die dortigen Archive. Endlich rücken auch wieder Orte in den Mittelpunkt, die jenseits eines kollektiven Revanchismusverdachts wichtige Zeugnisse deutschsprachiger Kultur waren. Das neue Interesse überwindet die überkommenen deutschtumszentrierten Sichtweisen, blickt über die alten nationalen Denkkategorien hinaus und stellt diese Regionen in ihr multiethnisches Umfeld. Eine untergegangene Welt wird rekonstruiert, jedoch nicht idealisiert. Denn dem multiethnischen Status quo ante schloss sich das dunkelste Kapitel an, in dessen Folge diese Welt unterging: nationalistische Verblendung, Instrumentalisierung und der Wahn nach ethnischer Homogenität. Daher dokumentieren die neuen Darstellungen auch Konflikte, Spannungen, Brüche und Verwerfungen, die in der ethnischen Gemengelage im Zeitalter des Nationalismus nicht ausbleiben konnten.
Frank Fischer versucht, die empfindliche Lücke in der Historiografie Danzigs zu schließen. Sein Buch mit dem Untertitel Die zerbrochene Stadt beginnt mit dem Untergang des deutschen Danzig 1945, um dann die Gesamtgeschichte in leicht lesbarer, spannend geschriebener Weise zu rekonstruieren. Er erzählt vom »Venedig des Nordens« und präsentiert ? so der Einbandtext ? »Danzig als einen der Brennpunkte der deutschen Geschichte und als Sinnbild des im Zweiten Weltkrieg verspielten deutschen Ostens«. Hier jedoch beginnt es problematisch zu werden. Nur aus deutschen Darstellungen gespeist, scheint Fischer eher unwissentlich einer deutschtümelnden Perspektive erlegen zu sein. Unkritisch zieht er die ältere deutsche Forschung heran, obwohl gerade Danzig nach dem Ersten Weltkrieg zu einem propagandistischen Tummelplatz für den Volkstums- und Grenzlandkampf und damit zum Zentrum nationalistischer Kontroversen wurde. Daher nimmt es nicht wunder, dass eine kritische Quellenwürdigung unterbleibt und Namen wie jener des Danziger Historikers Erich Keyser ungetrübt genannt werden, gerade so, als ob in den letzten Jahren keine wissenschaftliche Aufarbeitung der deutschen Ostforschung stattgefunden hätte. Schließlich beendet Fischer seine Darstellung eigentlich wieder mit 1945. Der folgende Ausblick von zwölf Seiten wirkt wie ein Fremdkörper und ignoriert die Geschichte Danzigs nach dem Zweiten Weltkrieg, die sozialen und kulturellen Konsequenzen eines fast hundertprozentigen Bevölkerungsaustausches, die immense Bedeutung Danzigs für Nachkriegspolen, die symbolische Aneignung der Stadtgeschichte und ein neues hanseatisches Bewusstsein der polnischen Danziger.
Nach der Lektüre verharrt man ratlos. Ist das alles? Verblüfft fragt man sich nach dem Neuen, dem Innovativen. Fischer hingegen erzählt die Geschichte Danzigs aufgrund hinlänglich bekannter älterer deutscher Forschungsliteratur. Heute jedoch sollte es schlichtweg unmöglich sein, über eine Stadt wie Danzig zu schreiben, ohne die umfangreiche polnische Forschung zur Kenntnis zu nehmen. Multiperspektivische Ansätze sind nicht sichtbar, eine sich aus mehreren Traditionen befruchtende und ineinander verwobene Kulturgeschichte Danzigs sucht man vergeblich. Kein Wort auch über deutsche und polnische Geschichtsbilder und Mythen. Und vor allem vermisst man einen hoffnungsvollen Ausblick, etwa die 1000-Jahr-Feiern im Jahr 1997, wo sichtbar wurde, wie weit die kulturelle Aneignung Danzigs mit allen Ecken und Kanten durch seine neuen Bewohner vorangeschritten ist.
Von Andreas Kossert