Warschau - Am Donnerstag Mittag traten überraschend leitenden polnischen Staatsanwälte bez. des mysteriösen Flugzeugabsturzes am 10. April bei Smolensk, wieder einmal vor die Mikrofone und Kameras der Medien. Am Vormittag gab es zu dem Thema auch eine nicht gerade freundliche Diskussion im Parlament (Sejm). Herausgekommen sind einige neue Fakten, aber auch Aussagen über Prämissen bei den Ermittlungen zur Ursache der Katastrophe. Gleichwohl hat "Polskaweb" aber auch Informationen aus anderen Quellen, die alles andere als eine klarere Sicht auf die Ereignisse in Russland werfen. Obwohl Moskau mit immer mehr historischen Zugeständnissen und Angeboten das polnische Volk auf andere Gedanken bringen will und Warschau in den letzten 48 Stunden mehr über den Stand der Ermittlungen gesagt hat, als in den ersten zwei Wochen nach der Tragödie überhaupt, machen sich immer tieferes Misstrauen und Abgründe auf. Immer mehr ungelöste Fragen, weitere Rätsel und das breite Schweigen hierzu auf russischer Seite, sind für viele bereits kaum noch zu ertragen.
Tupolew war in einwandfreiem Zustand
Generalstaatsanwalt Andrzej Seremet und sein Kollege vom Militär Zbigniew Rzepa nannten heute vier vorläufige Versionen der Ursachen der Tragödie in der Nähe von Smolensk. Technisches Versagen des Flugzeuges, mangelhafte Organisation und Sicherheit, Fehler der Besatzung und ein Eingriff Dritter, wie z.B. einem Terroranschlag. Andrzej Seremet hatte allerdings auf einer Sitzung am Vormittag schon gesagt, dass die Tupolew beim Abflug in Warschau in einwandfreiem Zustand war. Er begründete diese Behauptung mit einer Meldung der Besatzung, dass es keinerlei Probleme mit der Maschine gebe. Darüberhinaus sei sie am 6. April, einem Tag vor der Reise des polnischen Premiers Tusk zu einem Treffen mit dem russischen Amtskollegen Putin in Katyn, nochmals komplett durchgecheckt worden. Erst am 21. Dezember 2009 war der Jet von einer Generalüberholung aus Russland zurückgekommen. Als genaue Zeit des Abfluges der Tupolew aus Warschau, nannten die Ermittler nun 7.27 polnische Zeit. Aus noch ungeklärten Gründen sei somit der Start um fast eine Stunde verschoben worden - heisst es in einer anderen Meldung, wonach man ursprünglich eigentlich frühzeitig losfliegen wollte, um z.B. bei Wetterproblemen noch trotz Ausweichens, rechtzeitig zu den Feiern in Katyn eintreffen könne.
Piloten sprachen fliessend russisch
Generalstaatsanwalt Andrew Seremet schloss aber auch, aus welchen Gründen auch immer, auf der außerordentlichen Sitzung des Sejm-Ausschusses für Nationale Verteidigung, ein Attentat auf den polnischen Präsidenten als Ursache der Katastrophe aus. "Die Russen hatten keinen Einfluss auf die Entscheidungen in polnischen Flugzeugen. Doch umfassende Expertisen, auch zu dem Film auf welchem Schüsse kurz nach dem Absturz zu hören sei sollen, werden bald hierzu nachvollziehbare Ergebnisse liefern" - betonte er. Zu der Crew der abgestürzten Tupolew sagte Chef- Militärstaatsanwalt Zbigniew Rzepa, dass die Piloten für den Flug bestens vorbereitet waren, sie hatten nicht nur eine sehr gute Ausbildung genossen die auch Extremsituationen umfasste, sondern auch umfangreiche Erfahrung im Umgang mit der Tu-154 gesammelt. Gleichwohl sprachen Pilot und Co- Pilot ausreichend Russisch, was die Auslesungen des Voice- Rekorders beweisen. Rzepa sagte in diesem Zusammenhang auch, dass er ein Scheitern des russischen Bodenpersonal nicht ausschliesse. Er habe hierzu am 10, 16. und 20 April Fragen an die russische Förderation übersandt, wobei die Antworten noch komplett ausstehen.
FSB Iljuschin war nicht mehr da
Zu der vierten Version, also der Möglichkeit eines Attentates sagte Staatsanwalt Zbigniew Rzepa, dass keiner der bisher vorliegenden Beweise die Möglichkeit bestätige, jedoch sei eine generelle Ablehnung dieser Version in der gegenwärtigen Phase der Untersuchung noch verfrüht. Er unterstrich, dass man dies so kategorisch erst nach den Auswertungen aller Beweise machen könne. Die russische Seite hat nach eigenen Angaben am 12. April am Absturzort Analysen zu etwaigen Verwendung von Sprengstoffen durchgeführt und danach die Information herausgegeben, dass man keine Anhaltspunkte hierfür gefunden habe. Die russischen Spezialisten hatten auch die am Wrack der Tupolew gefundenen Pistolen der polnischen Sicherheitsleute ballistisch untersucht und gemeldet, dass hieraus keine Schüsse abgegeben worden seien. Die Aussage eines Zeugen, der gesehen haben will, dass eine Iljuschin des russischen FSB etwa zur Absturzeit in Smolensk über der Tupolew manövrierte und damit möglicherweise Turbolenzen ausgelöst habe, schloss Rzepa als Spekulation wegen einer Zeitdifferenz aus.
Pole wurde Chef beim Nato- Geheimdienst
Die zur Sondersitzung des Parlaments eingeladenen Journalisten, wunderten sich, dass niemand den berichtenden Staatsanwälten anschliessend Fragen stellen durften. Wir wundern uns darüberhinaus, dass sowie Seremet als auch Rzepa fast nur die verbalen Überlieferungen der Ermittlungen des russischen FSB zum besten gaben, die wegen zahlreicher Widersprüche sowieso kaum noch jemand hören will. Einige polnische Politiker gaben bei der Sitzung an, dass sie fürchten, die nationale Sicherheit Polens sei nicht mehr gewährleistet. Diese Furcht teilen wir allerdings. Brüssel scheint sich hierüber keinen Kopf zu machen, denn noch am Mittwoch wurde ein Pole zum Vizedirektor des Nato- Geheimdienstes ernannt. Wer der Glückliche ist, sagte man natürlich nicht. Polskaweb berichtete kurz nach dem Absturz, dass Agenten des polnischen Geheimdienstes ABW Wohnungen und Häuser von Opfern der Katastrophe aufgebrochen haben, um hier angeblich Haarproben für DNA Analysen zu sammeln.
Zahlreiche Anträge auf Rechtshilfe unbeantwortet
Später behaupteten Familienangehörige dass man keine Haare, sondern Dokumente und das Notebook des Leiters des Nationalen Sicherheitsbüros Aleksander Szczyglo mitgenommen habe. Inzwischen hat der Geheimdienst die Einbrüche öffentlich zugegeben, aber das Notebook bleibt verschwunden, sie haben es nicht- heisst es. Dies könnte bedeuten, dass es ebenfalls in der abgestürzten Tupolew war. Damit wäre die nationale Sicherheit Polens, zumindest auf Papier, möglicherweise jetzt in Moskau. Das polnische Verteidigungsministerium hatte am 10., 16. und 20. April drei Anträge auf Rechtshilfe auf dem Dienstwege nach Moskau gebracht. Die erste Anfrage betraf den Zugang zu den Aufnahmen der Black-Boxen. Im zweiten Ersuchen ging es um die Frage, ob jemand zwischen dem 5. bis 15. April an der Installation des Smolensker Flughafen geändert hat (Landelichter, Navigationsgeräte). Die dritte Anfrage betraf vor Ort gemachte Amateurfilme sowie Wetter und genaue Absturzeit. Moskau kam nur der ersten Anfrage teilweise nach, indem polnische Ermittler beim Abhören des Voicerecorders einige Minuten dabei sein durften.
Angehörige durften Leichen nicht sehen
In den Rechtshilfeersuchen an Russland bat man aber auch um eine umfassende Beteiligung an der Besichtigung der Abssturzstelle, der Untersuchung der Trümmer der Tu-154, Besichtigung und Autopsie der Leichen, Tests zur Identifikation von Opfern, Prüfung von noch vorhandenen Sicherheitseinrichtungen des Flugzeuges oder anderer relevanter Dinge, selbständige Vernehmungen von Mitarbeitern des Flughafens und anderen Zeugen, Sicherung von Interviews mit Medien, toxikologische Studien aus Leichen der Besatzung sowie in jedem Falle die komplette Datenerfassung der meteorologischen Bedingungen zum Zeitpunkt des Absturzes sowie Aufzeichnungen vom Tower zu der Tu-154 Landung. Auch zu diesen Fällen so gut wie keine Zuarbeit oder Kooperationsbereitschaft der russischen Behörden. Noch dicker kam es am Donnerstag Abend für die von deutschen, aber auch russischen Medien als so hervorragend bezeichneten polnisch-russischen Zusammenarbeit, als nämlich Hinterbliebene der Opfer mehr oder weniger kollektiv erklärten, dass nur ganz wenige Angehörige bei den Identifikationen in Moskau Leichen sehen durften. Die meisten wurden nach besonderen Merkmalen ihrer Vermissten gefragt und bekamen dann eine Nummer für Leiche X oder Überreste Y. Falls es keine besonderen Merkmale gab, zeigte man ihnen meist Fotos von Körperteilen.
Moskau macht sich selbst verdächtig
"Polskaweb" hatte schon früher auf die Aussagen eines TVP Reportes verwiesen, der weder Leichenteile noch Gepäckstücke usw. am Ort der Katastrophe gesehen hatte, obwohl er schon vor den Rettungskräften hier eintraf. Polen kann Russland natürlich nicht zum Verhör laden. Polnische Staatsanwälte haben auch keinerlei rechtliche Grundlagen zur Übernahme der Ermittlungen und die Russen wollen dies offenbar auch nicht. Bei allen möglichen Kenntnissen über Luftfahrtsrechten muss doch irgendjemand in Moskau verstehen, dass in Smolensk nicht etwa ein zweisitzige Piper mit Anglern abgestürzt war, sondern ein 225 Quadratmeter großes Verkehrsflugzeug mit dem Präsidenten eines Landes an Bord, zu dem man sowie schon geschichtlich kein gutes Verhältnis hat. Zudem handelte es sich bei der Tupolew um ein Militärflugzeug, wo die Untersuchungen in der Regel ganz anders laufen, als nach irgendwelchen Vereinbarungen aus Chikago. Unter diesen Umständen muss man sicherlich nicht unter Rusophobie leiden, um die Festellung treffen zu können, dass Moskau sich hier vor der Weltöffentlichkeit einmal mehr zum Terrorverdächtigen macht, wie schon nach den letzten Anschlägen auf einen Hochgeschwindigkeitszug und in der Moskauer Metro. Indiz hierzu sind nicht nur neue Gesetze, die jetzt dem Geheimdienst FSB noch mehr Rechte einräumen, als sie der kommunistische KGB je hatte.
LOT- Piloten mussten schweigen
Welche Rolle die polnische Regierung bei den ganzen Mysteriösitäten spielt, welche die Tragödie sowieso schon umgibt, wird vielleicht auch irgendwann Gegenstand von Ermittlungen sein. Heute kam hierzu passend noch eine letzte Meldung von "Rzeczpospolita" herein, die darauf verweist, dass gerade einmal drei Stunden nach dem Absturz der Tupolew in Smolensk die Direktion der staatlich- polnischen Fluggesellschaft LOT, alle seinen 550 Piloten unter Androhung von Konsequenzen angewiesen habe, kein Wort über das Ereignis in Smolensk zu sprechen. Mit Recht fragten sich heute Parlamentarier im Sejm warum man sich eigentlich überhaupt getroffen habe, da man doch zu dieser großen nationalen Tragödie so gut wie keine Informationen habe. Unverständlich warum die polnische Regierung nicht nach dem Absturz Himmel und Hölle in Bewegung setzte, um so schnell wie möglich an verwertbare Ergebnisse zu kommen. Polen ist in der Nato, hohe Nato Offiziere starben bei der Katastrophe, doch Brüssel wollte man offenbar nicht in die mysteriöse Tragödie hineinziehen. Und was ist mit den Freunden aus Amerika ? Die haben doch überall Kontakte, Satelliten und andere technische Zaubergeräte .....
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Kommentar von: Dr. Kranz () Publiziert am 01-05-2010 09:47