Warschau - Während deutschsprachige Medien, vertreten durch ihre schönfärbenden Korrespondenten in Polen, sogar noch aktuell von "Europas neuem Musterschüler" oder "Europas Insel der Glückseligen" im Zusammenhang mit der polnischen Wirtschaft sprechen, sieht die Lage an der Weichsel schon lange ganz anders aus. Seit fast einem Jahr steigen Staatsverschuldung, Arbeitslosigkeit und Preise nahezu parallel. Unzählige Betriebe wurden geschlossen, in vielen anderen bekommen Arbeiter schon seit Monaten kein oder weniger Gehalt. Dringend notwendige Privatisierungen werden nicht durchgeführt, andere platzen weil dubiose Investoren nicht zahlen, wie z.B. erst kürzlich die Käufer der Werften von Stettin und Gdynia und Millionen Rentner kommen wegen steigender Preise mit ihrer Durchschnittsrente von etwa 350.- Euro nicht mehr zurecht. Polen ist nun gezwungen Milliarden-Kredite aufzunehmen, damit das von ausländischen Investoren abhängige Kartenhaus nicht zusammenbricht. Wer hier in diesem Lande nun die Rolle des "Musterschülers" spielen soll, oder gar dazu fähig ist, der muss nach Lage der Dinge erst noch gebacken werden.

So kam es denn jetzt für Insider auch kaum überraschend, dass Finanzminister Jacek Rostowski am Wochenende für das kommende Jahr ein Haushaltsdefizit von 52 Mrd. Zloty ankündigte, dem Größte in der polnischen Geschichte. Ein Beitritt Polens zur Eurozone ist damit vorerst komplett vom Tisch. Die Wirkung dieses Defizites wird einmal eine anhaltende Schwäche der polnischen Währung mit sich bringen, aber auf der anderen Seite auch die Anleihen vergünstigen, doch eine rasant steigende Staatsverschuldung in Verbindung mit Haushaltsdefiziten wird die meisten potentiellen Anleger abschrecken. Der kommende größere Beitrag zu dieser Staatsverschuldung wird eine geplante Kreditaufnahme Polens auf dem internationalen Markt in Höhe von gigantischen 203,8 Milliarden Zloty sein. Und es kommen weitere riesige finanzielle Kraftakte auf Warschau zu. Einer hiervon ist die ehrgeizige Umsetzung der Euro 2012, zu welcher alleine noch über 1000 Kilometer Autobahnen und Schnellstrassen fehlen.
Wenn man sich den Wechselkurs der Zloty zum Euro vom Dienstag ansieht: 4,10 zu 1, also nur einige Groschen mehr als noch vor einer Woche, könnte man vermuten, dass die Ankündigung des 52 Mrd. Zloty Haushaltsdefizites niemanden erschreckte. Doch der Schein trügt. Die polnische Währung wird derzeit künstlich hochgeschaukelt und schon in wenigen Tagen und Wochen wird es voraussichtlich schon ganz anders aussehen. Das angestrebte Ziel zum Ende des Jahres weniger als 4 Zloty für einen Euro bezahlen zu müssen, kann man getrost vergessen. Ein BIP-Wachstum von 1,2 Prozent oder sogar etwas mehr erwartet die polnische Regierung auch für das kommende Jahr. Das ist, gemessen am Wachstum vergangener Jahre natürlich nichts, aber in "Krisenzeiten" wird eine solche Prozentzahl gar in Verbindung mit "Glückseeligkeit" gebracht. Ein Wirtschaftswachstum für 2010 in Polen könnte nach einer genaueren Analyse durchaus auch ein Minus vor dem Ergebnis tragen. Die Ankündigung des Rekordhaushaltsloches kommentieren Berater des polnischen Präsidenten so: "Ein Desaster der öffentlichen Finanzen und der staatlichen Politik, die sich einmal als wichtigstes Ziel setzten das Defizit unter Kontrolle zu halten".

2010 wird mit Sicherheit ein sehr schwieriges Jahr für Polen werden, behauptet vor allen Dingen die Opposition im polnischen Parlament. Und sie weiss wovon sie spricht, denn wichtige Reformen und Privatisierungen, welche die Wirtschaft antreiben könnten, werden von ihr und dem polnischen Präsidenten boykottiert. Während bei den größten Handelspartnern des Landes, wie z.B. Deutschland, die Krise schon endete bevor sie überhaupt begann, gerät Polen nun angeblich in den Strudel einer weltweiten Krise und die Regierung in Warschau ist relativ hilflos, denn es fehlt ihr an kompetenten Wirtschaftsstrategen und potenten Investoren für die noch zahlreich zu privatisierenden ehemals volkseigenen Betriebe. Zu allem "Elend" sollen jetzt auch noch die Parlamentarier im Sejm 52 Millionen Zloty mehr Bezüge bekommen, während die Renten im gleichen Zeitraum um nur durschnittlich 17 Euro steigen werden. Zu Lasten der Rentner und anderen werden aber im gleichen Zeitraum z.B. auch Rauchen und die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel um bis zu 20 % teuerer werden, was die vorgenannten Ausgaben dann kompensieren soll.
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