Es gab 3.5 Million Juden vor dem Zweiten Weltkrieg. Neunzig Prozent wurden ermordet. Nach dem Krieg entschieden sich viele Überlebende in Polen zu bleiben, obwohl es im Lande eine allgemeine schlechte Stimmung gegen sie gab. Ein großer Prozentsatz der Verbliebenen legte aber die jüdische Identität ab und erzählte nicht einmal den Kindern und Enkelkindern vom eigentlichen Glauben. 350 000 sollen es gewesen sein die zum Ende des zweiten Weltkrieges noch in Polen lebten. Der Fall des Kommunismus hat nun eine Wende auch in die Köpfe der Menschen mit falscher Identität gebracht und sie haben angefangen sich zu outen.
"Newsweek" Interview mit dem Warschauer Rabbi Michael Schudrich "Es waren tiefe, dunkle Familien- Geheimnisse bis 1989, als der Fall des Kommunismus nicht nur politische und ökonomische Umwälzung sondern auch eine Sozialumwälzung im Lande verursachte. Leute fingen an von Sachen zu sprechen über die sie nie hatten. So fingen ältere Holocaust Überlebende an, ihren Kindern und ihren Enkelkindern zu erklären, daß sie in Wirklichkeit Juden sind. Und Kinder fingen an Fragen zu stellen, ", wie kommt es, daß wir keine Verwandten haben ?" Dies sind herz-zerreißende müssen die Darstellungen der Kinder aussehen, die vermutlich jüdisch sind, deren Mütter und Väter keine Familien haben." Newsweek : Wieviele Polen haben ihre jüdischen Wurzeln wiederentdeckt ? " Seit 1989 haben vermutlich 10 Tausende Polen entdeckt, dass sie eigentlich jüdische Wurzeln haben. Einige haben sich entschieden etwas zu tun, und haben die jüdische Gemeinschaft von Warschau und von Polen durch Mitarbeit und Anwesenheit bereichert. Wir haben in den letzten 15 Jahren versucht, ein Klima zu verursachen, welches einlädt sich uns zu öffnen, damit Leute ihre jüdischen Wurzeln entdecken. In den täglichen Dienstleistungen in der Synagoge in Warschau bin ich meist die älteste Person, und ich bin erst 50. An einem normalen Samstag Morgen oder Freitags Nachts haben wir 80- bis 100 junge Leute hier, davon 15 -17 Kinder. Vor 10 Jahren war noch kein Kind in der Synagoge. Wir erreichen nicht sehr große Mitgliederzahlen derzeit aber die Gemeinschaft wächst kontinuierlich." Neewsweek: Hielten irgendwelche Polen ihre jüdische Identität nach dem Krieg ? "Es gab eine kleine Gruppe, die ihre jüdische Identität allzeit hielt. Und es gab die, die diese versteckten und erzählten es nicht jedem. Wegen der Erfahrung des Holocaust, dem Zweiten Weltkrieg, die Pogrome, die sowjetische Besetzung nach dem II Weltkrieg, NICHTS wirklich positives ist geschehen, jemanden anzuregen, zwischen 1939 und 1989 noch jüdisch zu sein. Es war nicht Assimilation, es war einfach Furcht. Es gab Zerstörung hier für 50 Jahre, und wir haben 16 Jahre Demokratie gehabt. Es war ziemlich erstaunlich, daß wir so schnell in der Lage gewesen sind umzuschalten und auf Demokratie zu setzen. " Newsweek: Wie sind Beziehungen zwischen Juden und Katholiken derzeit in Polen ? "Dank der Aufklärungsarbeit von Johannes Paul II, welcher großen Einfluß auf die Polen hatte, ist die Lage postiv. Aber es gibt noch Probleme, wie z.B eine Radiostation (Radio Maryja), welche Rassismus und Antisemitismus unterrichtet. Der Sender, der sogar durch den Vatikan verurteilt wurde, sendet immer weiter. Es gibt viele antisemitsche Bücher, die im Keller einer Zentral-Warschauer Kirche verkauft werden. Es hat auch politische Änderung in Polen gegeben. Die größte politische Partei gewann eigenständig nicht genügende Stimmen , um eine Majorität zu haben, also nahm sie in zwei kleineren Rand Parteien, eine die weit links orientiert ist, die andere umso mehr rechts. Die ultrarechte Partei hat Mitglieder welche sehr böse Aussagen über Juden machen. Es stimmt nachdenklich, was diese Regierung veranlasste, solch einer Partei in die Regierung zu nehmen. Niemand läuft weg und niemand nimmt Pogrome vorweg, aber es ist nicht die Art und Weise, die es sein sollte." Newsweek: Abschließende Gedanken ? Die Wiederauferstehung der jüdischen Gemeinschaft in Polen, die Wiederbelebung des jüdischen Lebens ist das Testament der jüdischen Gemeinschaft. Es ist auch ein Zeugnis zum menschlichen Geist. An diesem Platz, von dem Leute dachten, dort würde es nie mehr Juden geben und nach einer kurzen Periode der Demokratie, wird ganz plötzlich eine Wiederbelebung des jüdischen Lebens festgestellt. Es überrascht, was ein wenig Demokratie und Freiheit tun kann. Anmerkung Redaktion Polskaweb: * Der Oberrabbiner Michael Schudrich wurde kurz nach diesem Interview in der Warschauer Innenstadt angegriffen. Auf dem Weg zum Sabbat-Essen nahe der größten Synagoge habe ihm ein junger Mann zugerufen: «Polen den Polen». Als er sich dem Mann genähert habe, schlug dieser zu. Bevor sich Schudrich wehren konnte hat ihn der Angreifer mit Pfefferspray attackiert. * Die aktuelle polnische Regierung welche durch die Zwillingsbrüder Kaczynski dominiert wird, wird durch den Hetz - Sender "Radio Maryja" unterstützt. * Es gab auch in kommunistischen Zeiten prominente Juden in Polen, wie z.B. der hochgeschätze Herzchirurg Prof. Marek Edelmann aus Lodz, welcher bis vor wenigen Jahren noch das dortige Krankenhaus leitete und bereits im 2. Weltkrieg, als einer der Anführer des Warschauer Aufstandes durch die sog. Heimatarmee (Armii krajowa), in die Geschichte einging.
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