An diesem Wochenende wurde in der südpolnischen Stadt Kielce eine Gedenkfeier zum 63. Jahrestag eines der schwarzesten Flecken der polnischen Geschichte abgehalten. Am 4. Juli 1946 waren Dutzende jüdische Männer und Frauen durch einen rasenden Mob grausamst ermordet worden. Auch über sechs Jahrzehnte nach diesem schlimmen Ereignis ist dieser Massenmord noch immer nicht vollends aufgeklärt. Am Samstag fand hierzu eine stille Demonstration im Zentrum der Stadt statt, an welcher neben Menschen jüdischen Glaubens, auch evangelische Christen teilnahmen. Die Botschaft der Teilnehmer war neben jener des Gedenkens, auch eine klare Aufforderung an die Regierung in Warschau, die Unklarheiten um die Hintergründe des Massakers am jüdischen Nachbarn nicht weiter mitzutragen. Namhafte Historiker aus aller Welt sehen die Umstände und Hintergründe des Pogroms von Kielce durch die damaligen und heutigen Machthaber im Lande verschleiert.
"Wieso sind Sie denn noch am Leben ?"
"Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges forderten polnische Politiker mehr denn je die Ausweisung der noch in Polen verbliebenen, bzw. zurückgekehrten Juden. Gründe hierzu waren aber nicht nur der unbesiegte Antisemitismus der Polen, sondern auch die bereits aufgeteilte Beute aus jüdischem Eigentum, welcher keiner mehr hergeben wollte" - schrieb der in Warschau geborene und an der Universität von Princeton lehrende Historiker Prof. Jan. T. Gross in seinem Buch über die Nachkriegs- Pogrome in Polen. Überlebende Zeitzeugen vermerkten in ihren Tagebüchern gar routinemäßige Fragen wie: "Wieso sind Sie denn noch am Leben ? Die Bemühungen der Juden in ihre eigenen Wohnungen oder Häuser zurückzukehren waren vergeblich und manchmal sogar tödlich verlaufen, berichtete Gross. Von Habgier sprechen auch andere Historiker im Zusammenhang mit den Nachkriegs- Progromen in Polen, doch in Verdacht stehen aber auch die kommunistischen Machthaber, welche den Mob gezielt aufgehetzt haben soll.
"Nur ein Psychopath kann sich solche Grausamkeit vorstellen"
Der polnisch- jüdische Journalist Saul Shneiderman schrieb am Tage (5.Juli 1946) nach dem Massaker an der jüdischen Bevölkerung von Kielce: " ...... Juden wurden vor Karren gespannt, denn es gab keine Rinder oder Autos und wenn sie nicht schnell genug waren, wurden sie zu Tode geprügelt." " Das schlimmste Ereignis in diesem Zusammenhang fand aber erst gestern statt. Einwohner von Kielce, hierunter Polizisten, Soldaten und Pfadfinder, haben fast 80 Juden ermordet und genausoviele meist an den Köpfen verletzt. Der riesige Hof war noch heute übersät mit blutbefleckten Eisenstangen, Steinen und sonstigen Gegenständen, die man dazu verwendet hatte, die Schädel der jüdischen Frauen und Männer zu zertrümmern". Kielce war dann auch als Nachkriegsprogom kein Einzelfall, denn auch in auch in Radom, Tschenstochau, Krakau und in kleineren Orten kam es zu Ausschreitungen und zu Morden, schrieb auch Historiker Gross in seinem Bericht und fügte an dieser Stelle hinzu, dass nur ein Psychopath sich eine solche Grausamkeit vorstellen könne.
Aufklärungsversprechen nicht eingehalten
Schon vor 13 Jahren gab es die erste Gedenkfeier für die Opfer des Pogromes in Kielce. Im Jahre 1996 hatte bereits Polens Justizminister Leszek Kubicki an Ort und Stelle des Massenmordes versichert, daß die Hintergründe der Ausschreitungen geklärt werden. "Polnische Staatsanwälte wollen in der kommenden Woche Augenzeugen in Israel vernehmen" - so versprach er zumindest damals. Keines seiner Versprechen in diesem Zusammenhang hat bis heute zu irgendeinem Ergebnis führen können und das politische Interesse an der Aufklärung polnischer Verbrechen an Juden und anderen Minderheiten hat dramatisch abgenommen. Seit Präsident Aleksander Kwasniewski nicht mehr der erste Mann im Staate Polens ist, läuft die geschichtliche Wahrheit komplett andersherum. Die Staatsanwaltschaften in Kielce und Warschau schicken sich nur noch zum Zeitvertreib die Akten hin und her und ein weiteres Beispiel schockiert bereits die Welt in Form einer dreisten Verschleierung von Hintergründen eines kürzlich entdeckten Massengrabes in Malbork, dem ehemaligen Marienburg.
Die Mörder führten kein Buch
Beinahe dreieinhalb Millionen Juden lebten in Polen vor dem Zweiten Weltkrieg. Heute sind es noch nicht einmal 8000. Viele wurden durch die Nazis ermordet, andere verliessen das Land aber auch aus Angst vor Hitler oder dem polnischen Antisemitismus. Wieviele Juden tatsächlich in deutschen Konzentrationslagern oder anderswo und durch wen umkamen, wird man wohl nie genau erfahren. Die Mörder haben hierüber kein Buch geführt. So weiss auch niemand genau wieviele Juden dem Holocaust entkommen konnten. Eins ist aber sicher, abgesehen von wenigen Beispielen, waren sie alle Opfer. An ihrer Ausrottung waren Menschen vieler Nationen direkt oder indirekt beteiligt. Weltweit steht Kielce nun als Symbol für Antisemtismus, der den nationalsozialistischen Völkermord überlebt hatte. In diesem Jahr nahm übrigens kein polnischer Politiker an der Gedenkfeier in Kielce teil und das Problem mit der Abneigung polnischer Politiker um die Wahrheit eigener Verbrechen vor, während und nach dem Weltkrieg nimmt ebenfalls bereits symbolischen Charakter an.
Die bekannteste Version des Pogromes von Kielce
Nachdem ein achtjähriger polnischer Junge die im Haus der jüdischen Gemeinde von Kielce untergebrachten Holocaust-Überlebenden fälschlich beschuldigt hatte, ihn entführt und gefangengehalten zu haben, versammelte sich dort am Morgen des 4.7.1946 rasch eine vieltausendköpfige Menge. Mobilisiert durch Gerüchte um vermeintlich hier vollzogene Ritualmorde an polnischen Kindern und unterstützt von ortsansässigen Polizisten und Soldaten, drangen einzelne Gruppen in das Gebäude ein und plünderten es. Über 40 der jüdischen Bewohner wurden z. T. schwer verletzt, 42 getötet – sie starben zumeist an den durch Schläge mit Steinen und Eisenstangen verursachten Kopfverletzungen, neun Opfer wiesen tödliche Schuss-, zwei Bajonettwunden auf. Außerdem wurde eine auf 20–30 Todesopfer geschätzte Zahl von Juden bzw. solche zu sein Verdächtigten in Zügen und auf Bahnhöfen ermordet.
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pepe am 06-07-2009 13:48 - Kielce 1946
Geschrieben von: Igor Wolf () am 07-07-2009 03:18