Moskau - Schon seit geraumer Zeit greifen russische Medien und Politiker wütend nach den polnischen Versionen ihrer Geschichte des zweiten Weltkrieges. Am Freitag, wenige Tage vor den offiziellen Gedenk- Feiern vom Ausbruch des zweiten Weltkrieges in Danzig legt Russland noch mal kräftig nach und verkündet darüberhinaus, in den kommenden Tagen Original- Auszüge aus Akten des polnischen Geheimdienstes der Jahre 1934/39 zu veröffentlichen, welche beweisen sollen, dass Polen mit Hitler lange unter einer Decke steckte und ebenso der Sowjetunion Schaden zufügen wollte. Der Rechtsexperte des russischen Aussenministeriums im Range eines Botschafters, Dr. Oleg Khlestov, behauptete am Abend in einem Fernsehinterview gar, dass nicht nur Hitler mit der damaligen polnischen Regierung anti-sowjetische Pläne besprochen habe, sondern sich hierzu auch ganz konkret Offiziere der Wehrmacht und der polnischen Armee zusammengesetzt hatten. Khlestov verteidigte den Ribbentrop-Molotow Vertrag als nicht amoralisch und beschuldigte polnische Politiker für den Verlust von sechs Millionen ihrer Landsleute selbst verantwortlich zu sein.

Die polnische Regierung, mit der Gesamtsituation der zuletzt eskalierenden Geschichtsstreitigkeiten mit einigen Nachbarn der Republik, etwas sehr überfordert, hat sich zu allen Angriffen aus Russland noch nicht offiziell geäussert. Man scheint nicht nur vorsichtig geworden in Hinsicht auf das was Moskau noch aus alten Archiven des Geheimdienstes zaubern will, sondern auch in Hinsicht auf die anstehenden Feierlichkeiten in Danzig, an welchen auch der russische Premier Putin teilnehmen wird. Der Wunsch des polnischen Regierungsschefs Donald Tusk ist es nämlich, im Gegensatz zu den Absichten des konträren Präsidenten Lech Kaczynski, am 1. September den Opfern des Krieges zu gedenken und keine öffentlichen Anklagen auf der Westerplatte zu verlesen oder gar von russischer Seite mit anhören zu müssen. Die Veranstaltung, an der auch über 20 ausländische Staats- und Regierungschefs teilnehmen werden, soll nach den Absichten der oppositionellen PIS Partei der Kaczynski Zwillinge, zu einem demonstrativen Politikum zugunsten Polens ausarten.
Nach Auffassung von Dr. Oleg Khlestov war der Hitler-Stalin Pakt nichts anderes als vergleichsweise die deutsch-polnische Erklärung zu Gewaltsverzicht aus dem Jahre 1934. In seiner Stellungnahme erläuterte er, dass zur Prävention vor einem möglichen Angriff Hitlers Russland bereit war Polen zu schützen. Der am 17. April 1939 durch Moskau angeregte Vertrag zum Abschluss eines englisch-französisch-sowjetischen Abkommens über gegenseitige Hilfeleistung habe eine solche Klausel enthalten, sagte Khlestov und fügte hinzu, dass ein solcher Vertrag von den Briten und Polen schroff abgelehnt worden sei. Warum Polen einen diesen "Schutz" nicht wollte, lesen wir z.B. in Paragraph IV des von den Sowjets vorgelegten Vereinbarung: "Die englische Regierung stellt klar, dass die Hilfe, die sie Polen versprochen hat, ausschließlich für den Fall einer Aggression seitens Deutschlands gilt". Damit wäre Stalin, der auch in diesem Vertrag ein Durchzugsrecht für seine Armee durch Polen forderte, bei einem eigenen Erstschlag gegen den Nachbarn vor den Briten sicher gewesen.
Keiner wollte aber damals mit Vehemenz einen Krieg in Europa verhindern, ausser vielleicht Frankreich. Auch polnische Politiker waren "zur Wiederherstellung der nationalen Einheit" zu jeder "Schandtat" bereit. So nahmen jene tragischen Ereignisse, welche durchaus verhinderbar waren, ihren tragischen Verlauf. Verhindern konnten diesen Krieg aber nicht nur die Russen oder Amerikaner, die sich viel zu lange neutral gemeldet hatten, sondern vielleicht auch die Polen wenn sie dem damals schon geteiltem Deutschland in der "Danzig Frage" entgegengekommen wären. Dann hätten nämlich einem Hitler die Argumente gefehlt, den Deutschen klarzumachen warum dieser Krieg notwendig sei. Oleg Khlestov mag ja mit allem Recht haben was er behauptet, dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass die rote Armee am 17. September 1939, gegen den polnischen Willen und dem Völkerrecht in Polen einmarschiert war und Massaker an der Bevölkerung beging. Ein ähnliches Schicksal erlitten auch die baltischen Staaten. Stalin war Tatgenosse Hitlers.
Im Sinne eines anhaltenden Friedens haben somit Deutschland, Russland und eine Reihe anderer Staaten eine ganz besondere Verantwortung für die Zukunft. Der fehlende Wille zur Aufarbeit der wahren Umstände dieser Zeit beweist aber, das zumindest die heutigen Herren in Moskau an dauerhaftem Frieden und Freundschaft nicht interessiert zu sein scheinen. Die ganze Wahrheit über den Beitrag vieler Nationen zum zweiten Weltkrieg lagert immer noch in verschlossenen russischen Archiven. Sie dienen heutzutage nicht dazu die Menschheit aufzuklären, Täter zu bestrafen und Opfern zu gedenken, sondern wird höchstwahrscheinlich als politisches Druckmittel zum Einsatz gebracht.
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