Warschau - Wir wissen schon, dass zuletzt nach zwei ungeklärten und seltsamen Flugzeugabstürzen jeweils höchste Vertreter der polnischen Streitkräfte getötet worden waren. Gerade nach der letzten Katastrophe, dem Absturz einer Tupolew-154M, bei dem nicht nur Generäle sondern auch ihr Oberbefehlshaber Präsident Lech Kaczynski starben, gab es zahlreiche spektakuläre Rücktritte beim Heer, den Luftstreitkräften und der Marine. Aber auch Top- Kräfte der militärischen Sondereinheit GROM und des 36. Spezial- Lufttransport Regiments, zuständig für die Beförderung von Politikern und hohen Militärs, verliessen die Armee oder wurden hierzu gedrängt. Nach einem aktuellen Bericht der polnischen Tageszeitung "Polska - The Times" waren diese Abgänge aber nur die Spitze eines Eisberges. Seit Januar sollen über 5000 Berufssoldaten Anträge auf Freistellung vom Dienst eingereicht haben und wahrscheinlich auch schon nicht mehr bei der Armee sein. Das Verteidigungsministerium in Warschau versucht die Dramatik um die "Flüchtlinge" herunterzuspielen und verbreitet Gerüchte, dass die Abgänge beim Militär mit der Unzufriedenheit über im Januar 2011 gültig werdende Änderungen des Rentengesetzes für Uniformträger zusammenhängen.
Der neue polnische Präsident Bronislaw Komorowski hat am Sonntag in einer feierlichen Zeremonie das Oberkommando über die polnischen Streitkräfte übernommen. Gleichzeitig wurde er durch diesen Akt auch Herr über das Chaos in der Armee, an dessen Ursachen gerade die Politiker nicht ganz so unschuldig sind. Gelinde gesagt, herrscht also nicht gerade gute Laune und beste Stimmung wenn sich ein Zivilist vor die meist schon seit Jahrzehnten dienenden Soldaten stellt. Es geht ihnen eigentlich nicht schlecht bei der Armee, denn harte Arbeit haben sie so gut wie keine und ihre Besoldung liegt mit durchschnittlich 3.960 Zloty um fast ein Drittel höher als der polnische Durchschnittslohn. "Polska - The Times" vermutet, dass die wachsende Unzufriedenheit in der Armee auch mit dem Immobilien- Management ihrer Führung zusammenhänge, die dabei sei Standorte in Stadtzentren abzuschaffen um Truppen in die Provinz zu verlegen, was natürlich nicht im Interesse vieler Kommandeure sei. Solche Gerüchte dürften aber kaum den Kern der Massenflucht treffen. Was also steckt wirklich dahinter ?
Präsident Bronislaw Komorowski küsste auf jeden Fall und voller guter Laune heute auf dem Pilsudski-Platz in Warschau den Wimpel der polnischen Armee, deren Oberbefehlshaber er nun ist. Diese Bezeichnung täuscht allerdings ein wenig über die tatsächlichen Machtverhältnisse hinweg. Laut der polnischen Verfassung ist der Präsident mehr ein Aushängeschild der Streitkräfte in Friedenszeiten. Vertreten wird er, wie z. B. in Afghanistan im Kriegsfalle, durch den Verteidigungsminister. Er hat zwar das Recht den Chef des Generalstabs und die Befehlshaber der Streitkräfte zu ernennen, dies aber geschieht auf Antrag des Premiers bzw. der Regierung. Im Verteidigungsfalle, was einen Angriffskrieg einschliesst, kann er eine allgemeine Mobilmachung verfügen, tut dies aber ebenso "auf Wunsch" des Ministerpräsidenten. Er genehmigt auch die Strategie und die Frage der nationalen Sicherheit - wiederum auf Antrag des Leiters der Regierung, dokumentiert aber alleine die Umsetzung dieser Strategie. Vor 10 Jahren, als Präsident Aleksander Kwasniewski Generäle nominierte, verweigerte Verteidigungsminister Bronislaw Komorowski die Teilnahme, weil der Präsident nicht alle der Komorowskis Kandidaten aus der "alten Garde" akzeptiert hatte.
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Komorowski Heuchler
Geschrieben von: Stimme eines Zaddiken () am 15-08-2010 12:30