Auf Roman Giertych sind die Warschauer Gymnasiasten Pawel, Krystyna und Ania gar nicht gut zu sprechen. «Es ist schließlich schon schlimm genug, wie er den Lehrplan verändert, aber jetzt will er sich auch noch einmischen, wie wir uns anzuziehen haben!» klagt die 16-jährige Krystyna, deren Augenbrauenpiercing bei Erziehungsminister Giertych wohl kaum gut ankommen würde. Der Politiker von der nationalistischen Liga Polnischer Familien will Anstand, Sittsamkeit und Disziplin an die Schulen zurückbringen. «Null Toleranz» heißt sein Programm, das nicht nur bei den drei Jugendlichen für Aufregung sorgt. Auslöser des rigiden neuen Kurses an den Schulen, den Giertych in dieser Woche vor dem Schulausschuss des Parlaments verteidigte, war der Selbstmord einer 14-jährigen Schülerin aus Danzig (Gdansk). Das Mädchen war am Tag zuvor vor den Augen der ganzen Klasse von vier Mitschülern sexuell missbraucht und dabei mit der Handykamera gefilmt worden. Keiner der Jugendlichen kam ihr zu Hilfe. Kurz darauf unternahm in Südpolen ein von Mitschülern gemobbter 13-jähriger Junge einen Selbstmordversuch. Seitdem wird in Polen intensiv über die Gewalt an Schulen und mangelnde Zivilcourage diskutiert. Doch während Giertychs Forderungen nach Sonderschulen für verhaltensauffällige, aggressive Schüler und besseren Opferschutz auch bei politischen Gegnern auf Verständnis stoßen, sind andere Neuerungen umstritten. Lehrerverbände und Pädagogen kritisieren, dass künftig schwierigen Jugendlichen nur noch mit Druck statt mit Sensibilität begegnet werden soll. Bereits zu Beginn des Schuljahres wurde an den polnischen Schulen «Patriotische Erziehung» als Teil des neuen Unterrichtsfachs Polnische Geschichte eingeführt, das eigenständig neben dem allgemeinen Geschichtsunterricht besteht. Schon kurz nach Amtsantritt Giertychs im Frühjahr wurde der Leiter der Lehrerfortbildungsstätte entlassen, da bei Lehrerseminaren ein Aufruf des Europarates zu Toleranz im Umgang mit Homosexuellen präsentiert wurde. Nun sollen die Sitten an den polnischen Schulen noch deutlich strenger werden. «Erziehung hat nichts mit Demokratie zu tun», setzt Giertych auf klare Hierarchien. Er sieht liberales Verhalten der Lehrer als Ursache der Gewalt an Schulen. Eine Schule sei kein Debattierklub, sondern die Schüler hätten sich an Regeln zu halten. Das fängt an mit dem Verbot von Mobiltelefonen im Unterricht und geht bis hin zu Kleidervorschriften. «Man darf die Schule nicht mit dem Strand oder der Disco verwechseln», betonte Giertych, der zumindest an Grundschulen auch Schuluniformen einführen will. Doch auch an Gymnasien soll künftige eine strengere Kleiderordnung gelten. Dann müssen Ania und Krystyna ihre Miniröcke zu Hause lassen geduldet werden nur noch knielange Röcke. Doch auch in der Freizeit müssen die Teenager womöglich vom kommenden Jahr an mit Einschränkungen rechnen: Giertych plant die Einführung einer «Polizeistunde» für Kinder und Jugendliche. Die Entscheidung, ab welcher Uhrzeit Minderjährige nicht mehr ohne Begleitung Erwachsener in der Öffentlichkeit sein dürfen, soll allerdings den Bürgermeistern vorbehalten sein. Eva Krafczyk -dpa-
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