Tel Aviv - In der letzten Januarwoche waren erstmals in der Geschichte Israels fast alle in der Knesset vertretenen Politiker ausserhalb des Landes. Angeführt von Premier Benjamin Netanyahu, Ex- Außenministerin Livni, Verteidigungsminister Barak und Präsident Shimon Peres ging es ab nach Europa, wo die Holocaust- Gedenkfeiern zum Jahrestag der Befreiung des Nazi- KZ Auschwitz anstanden. Ihre direkten Ziele waren Berlin, Budapest und Krakau. Ihre Reise war bis auf das kleinste Detail vorbereitet, denn der ganzen Welt sollte das jüdische Leid während der Shoa einmal mehr Tränen in die Augen treiben und den armen Zionisten ihre Verbrechen in den Palästinensergebieten verzeihen. Während Shimon Peres im deutschen Bundestag offen um Verständnis für die israelische "Politik" werben durfte und hierfür sogar mit stehenden Ovationen bedacht wurde, gedachte Premier Netanyahu in Auschwitz vor allen Dingen den "unzähligen" Polen, die Juden vor den Gaskammern der Nazis gerettet hatten.
"Fahndung" nach israelischen Politikern
Ihren Empfang in Krakau hatten sich wichtige Knesset- Abgeordnete eigentlich ganz anders vorgestellt. Bei ihrer Fahrt vom Flughafen ins Zentrum der Stadt mussten sie nämlich mit Schrecken feststellen, dass überall Fahndungsplakate mit den Gesichtern von Tzipi Livni und ihres geschätzten Verteidigungsministers Ehud Barak aushingen. "Gesucht wegen Kriegsverbrechen" und "10.000 Euro Belohnung für Informationen die zur Festnahme der gesuchten führen" - konnte man auf diesen Plakaten in englischer Sprache lesen. "Es lebe der polnische Antisemitismus" - rief einer der Abgeordneten, ein anderer fiel im aber ins Wort und sagte laut: "Nein, der israelische Wahlkampf in Polen". "Den internationalen Holocaust-Gedenktag nutzen Politiker zum Wahlkampf ?" und "Gehörte auch der Diebstahl des Auschwitz- Schildes "Arbeit macht frei" zu den Vorbereitungen des Auftrittes Israels am 27. Januar in Europa, und welche Rolle spielen hierbei die Polen?" - fragen sich nicht nur viele prominente Israelis, sondern offenbar auch Abgeordnete der deutschen Linkspartei, die wohl einzig Peres Holocaust-Goldstone Verknüpfung verstanden haben dürften und nach seiner eigentlich unmißverständlichen Rede, mit Recht demonstrativ sitzengeblieben waren.
"Antisemiten den Garaus zu machen"
"Es besteht kein Zweifel, dass diese schändliche Plakataktion als Reaktion auf unseren Besuch zu verstehen ist. Der Antisemitismus gedeiht auch 65 Jahre nach dem Holocaust. Wir müssen noch vor unseren nächsten Herausforderungen daran denken, Holocaust-Leugnern, Holocaust Fluchenden und verschiedene Arten von Antisemiten den Garaus zu machen." - sagte der Knesset Abgeordnete Yisrael Hasson, nach seiner Ankunft im Krakauer Hotel, gegenüber Journalisten. 150 EU- Abgeordnete und mindestens ebensoviele westeuropäische Journalisten, die allesamt zum Gedenktag nach Krakau gekommen waren, hatten die "Fahndungsplakate" offenbar alle übersehen, da dies wohl nicht opportun war. Sicherheitsbeamte hatten, während die Mitglieder der Knesset- Delegation sich noch darüber stritten ob das Fahndungsfoto von Tzipi Livni größer war als das von Barak, die Plakate in der Nähe des Hotels der Israels entfernt. Die Polizei beschäftigt sich mit der Angelegenheit, spricht aber von "einer lokale Provokation", die es auch zu diesem Thema in anderen Ländern der Welt gegeben habe.
"Rede Netanyahus verbaler Betrug"
Einer der die israelische Politshow vom 27. Januar in Europa besser als tausende Abgeordnete und dutzende Staats- und Regierungschefs verstanden haben dürfte, ist der prominente Tel- Aviver Historiker und Hochschuldirektor Zeev Tzahor, der am Mittwoch in "Ynetnews", der größten englischsprachigen Zeitung für Israel und dem nahen Osten, die ganze politische Moral am besten beschreibt: "Nur zwei Tage trennten Premierminister Benjamin Netanyahus Rede in Auschwitz von Israels Antwort auf den Goldstone Report in welchem uns der Vorwurf von Kriegsverbrechen in den Palästinensergebieten gemacht wird. Beide Berichte zeigen große Unterschiede hinsichtlich ihrer Bedeutung, ihrer Länge, und ihrer Zielgruppe. Netanjahu widmete seine Rede in erster Linie der polnischen Regierung, die derzeit einen wichtigen EU- Status hat, während Israel, in Reaktion auf den Goldstone Bericht, dazu bestimmt war, die Vereinten Nationen zu beschwichtigen. Doch trotz der Unterschiede scheint es, dass die gleiche Person für die Ausarbeitung beider Texte verantwortlich ist; jemand, der auf verbalen Betrug spezialisiert ist".
"Polen bei der Vernichtung der Juden sehr engagiert"
Zeev Tzahor: " In seiner Rede in Auschwitz, auf dem Gelände des größten Vernichtungslagers der Geschichte, was nicht zufällig auf polnischem Gebiet gebaut und von Polen betrieben wurde, gelang es Netanyahu die "begeisterte Rolle" die Polen beim Holocaust spielte, einfach zu überspringen. Ihr Engagement für verfolgte Juden bedeutete, sie an die Nazis auszuliefern. Das war ihre aktive Rolle an der industriellen Vernichtung der Juden, wobei sie oft noch rigoroser vorgingen als die Deutschen selbst. Die Morde auf polnischem Gebiet setzte sich auch nach der Niederlage der Deutschen fort. Schätzungen zufolge wurden etwa 1.500 jüdische Nachbarn noch nach dem Kriege durch Polen ermordet. Viele von ihnen wurden einfach auf den Straßen getötet, die Täter feuerte eine erhitzter Mob "auf Polnisch" an. Es gab nur ganz wenige Polen die Juden gerettet hatten, Randfiguren der Gesellschaft. Doch die Netanyahu Rede zielte darauf ab, diese schrecklichen Geschehnisse zu verwischen, um einen heute angeblich lebendigen populären Antisemitismus in anderen Ländern zum zentralen Thema zu machen. Die Auschwitz Rede und die Antwort auf den Goldstone Report, sind durch Unehrlichkeit gezeichnet".
Der bewegendste Teil des letzten Absatzes im Original:
" Speaking at the Auschwitz death camp in Poland, the greatest extermination facility in history, which was built in Polish territory (and not coincidently) and was operated by Poles, Netanyahu managed to skip the enthusiastic role played by the Poles in the Holocaust. In terms of their dedication to persecuting Jews, turning them over to the Nazis, and their active role in the extermination industry, the Poles were second only to the Germans, and sometimes even more devoted than them to the extermination work. The murders within Polish territory continued even after the German were defeated. According to estimates, about 1,500 Jews were murdered in independent pogroms approved by the new regime; many of them took place on city streets while an excited Polish crowd cheered on. The Righteous Gentiles among them were few, at the very margins of society "
Hinweise zum Thema:
Kurz vor den Feierlichkeiten in Auschwitz- Birkenau ehrte der polnische Präsident den Leiter der Yad Vashems Gedenkstätte in Israel mit dem höchsten polnischen Orden. Yad Vashem gilt in Polen als der Ort wo polnische Helden namentlich genannt werden. Tausende polnische "Gerechte unter den Völkern" wurden hier eingetragen, alle sollen Juden vor der Vernichtung gerettet haben.
Der israelische Historiker Tzahor hatte in seinem Artikel bei "Ynet" von "Vernichtungslagern in Polen" berichtet. Anders als im Normalfall, hat das polnische Aussenministerium jetzt nicht lautstark den fehlenden Zusatz "deutschen" reklamiert. Auch wurde dieser Beitrag bisher nicht komplett in den polnischen Medien veröffentlicht, sondern überhaupt nur in einer Zeitung, die allerdings nicht näher auf die die schlimmen Vorwürfe aus Israel einging.
Das Thema der Entschädigungszahlungen Polens an enteignete Juden scheint auch vom Tisch. Schon seit geraumer Zeit scheint man sich wohl einig zu sein, dass es nur wenig oder garnichts gegen könnte.
Hut ab vor Leuten der Links-Partei wie Gregor Gysi und Sarah Wagenknecht, die sich offenbar als einzige deutsche Parlamentarier aktiv und uneigenützig für Menschenrechte einsetzen. Dies beweist nicht nur ihre Aktion des "Sitzenbleibens" während der Ovationen von Merkel und Co. für Shimon Peres bei seiner Rede im Bundestag, sondern auch ihr Engagement im Kampf gegen falsche Pandemien und Korruption.
Ein ähnlich unehrliches Spiel mit den Opfern des Faschismuses treiben aber auch offensichtlich deutsche Politiker. Sechs "mysteriöse" riesige Massengräber in Polen, in welchen nach Meinung von Historikern nur deutsche Zivilisten verscharrt worden sein können, hat man einfach ignoriert. Kein ehrliches Wort des Bedauerns von Leuten wie Steinmeier, Merkel, Thierse oder Westerwelle. Keine gemeinsame Recherchen mit Polen zu den Hintergründen. Ganz im Gegenteil, man macht sogar bissig Front gegen die Führung eigener Opferverbände, was sich israelische oder polnische Politiker nie erlauben würden und die Geschichtsallianz Moskau, Jerusalem und Warschau klopft sich vor Schadenfreude laut auf die Schenkel.
© Polskaweb News
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Polen, mache dich ehrlich!
Kommentar von: Durchblicker () Publiziert am 15-02-2010 22:35