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Tragödie A10: Niemand im Bus angeschnallt ?

Veröffentlicht in : Nachrichten, Polizeiberichte




Verunglückter polnischer Reisebus auf dem Wege zur DekraStettin - Nach dem Tod von 13 Polen bei einem Unfall mit ihrem Reisebus am Sonntag Vormittag auf der Autobahn A10 am  Schönefelder Kreuz laufen sowohl in Deutschland als auch in Polen die Ermittlungen zur Ursache des Dramas auf Hochtouren. Stettiner und Potsdamer Staatsanwälte haben bereits erste Vernehmungen von Augenzeugen hinter sich, schweigen sich aber generell über deren Inhalte aus, sodass deutsche Journalisten derzeit den Part der Aufklärung übernehmen und in diesem Zusammenhang bereits eine Mercedes- Fahrerin als Schuldige der Katastrophe ausgemacht haben wollen. Bisher gibt es aber nur einige wenige inoffizielle Statements von Passagieren des polnischen Buses, weder die Angaben der Insassen des Mercedes, noch die von Zeugen aus nachfolgenden Fahrzeugen liegen vor. So verkaufen deutsche Medien, wie schon bekanntlich nach dem Tupolew Absturz bei Smolensk, hauptsächlich Spekulationen und Vorverurteilungen, was wirklich nicht sein sollte.

Niemand war angeschnallt

Während in polnischen Internetforen sich bereits wegen der Vorveruteilung der deutschen Medien eine Front gegen deutsche Mercedesfahrer aufbaut, die mit Geschwindigkeiten von bis zu 250 Stundenkilometern über die Autobahnen jagen und dadurch schon etliche Unfälle mit polnischer LKW verursacht haben sollen, halten sich die Medien im Lande mit den Spekulationen ein wenig zurück, sondern versuchen nüchtern und objektiv zu recherchieren, wie es zu der Tragödie auf der A10 kommen konnte. Es ist ihnen am Montag gelungen mit einem der Fahrer des Unglücksbuses, dem Reiseleiter und seiner Ehefrau zu sprechen. Hierbei stellte sich erst einmal heraus, dass keiner der 49 Insassen des Fahrzeuges angeschnallt war, da der Bus nicht wie durch die Betreiberfirma behauptet, im beanstandungslosen Zustand vor dem Unfall war, sondern nicht einmal über Sicherheitsgurte oder Airbags verfügte. Dieser gravierende Mangel, hat unübersichtlich dazu beigetragen, dass so viele Menschen sterben mussten oder schwer verletzt wurden. Der Bus wurde nicht gerade dem traurigen Ergebnis entsprechend zerstört, was man deutlich auf Fotos erkennt. Die schwersten Verletzungen dürften also dadurch zustande gekommen sein, dass Menschen aus dem Fahrzeug gegen Beton des Brückenpfeilers bzw. der Fahrbahn geschleudert wurden.



Video Animation einer Version des möglichen Unfallhergangs
 
Sicherheitsgurte hätten Ausmaß der Tragödie minimiert

Die Frage nach dem Warum in dem Reisebus, der regelmäßig quer durch Europa fährt, keine Gurte waren, lässt sich nur technisch und nach EU- Strassenverkehrsverordnungen, aber nicht moralisch oder gar logisch erklären. Alle Busse die nach 2000 hergestellt wurden müssen Standard Gurte auf allen Plätzen haben (EU Verordnung 9. Mai 2006). Der auf der A10 verunglückte Bus wurde aber schon vor 12 Jahren erstmals in Betrieb genommen und hierfür gibt es merkwürdigerweise nicht einmal eine Nachrüstung Pflicht, obwohl gerade ältere Fahrzeuge immer wieder Tote bei Unfällen produzieren. Die 2006er Gurtregelungen gelten in der gesamten Europäischen Union und beschreiben gerade auch zu Reisebussen wie ihre Fahrer alle Insassen dazu bringen, die Gurte während der gesamten Fahrt festgezurrt zu halten. Die Staatsanwaltschaft in Potsdam ermittelt jetzt wegen fahrlässiger Tötung, wie ihr Sprecher Ralf Roggenbuck am Montag mitteilte. Dies hätte man sich wahrscheinlich durch eingebauten Sicherheitsgurten in dem Bus ersparen können. Bei dem schwersten Busunglück des Jahres in Deutschland waren nicht nur 13 Menschen getötet, sondern auch 38 weitere Personen aus beiden beteiligten Fahrzeugen verletzt worden, ein großer Teil hiervon schwer.

Medien präsentieren Schuldige

Wie eine Sprecherin der Stettiner Staatsanwaltschaft informierte, war bereits am Sonntag ein polnischer Staatsanwalt an der Unglückstelle, der anschliessend die Nacht in Berlin verbrachte und den ganzen Montag lang sich mit der Vernehmung von Betroffenen beschäftigen wird. Er ist auch befugt mit seinen Potsdamer Kollegen Ergebnisse auszutauschen. Deutsche Medien bezeichneten dies heute als "gemeinsame Untersuchungen einer deutsch-polnische Ermittlungskommission". Wenn man der Recherche der "Bild Zeitung" glauben darf, war ein roter Mercedes mit Berliner Kennzeichen bei der Einfädelung auf die A 10 bei Königs- Wusterhausen mit dem polnischen Bus, der aus Barcelona kam, selbstverschuldet kollidiert. Der Busfahrer habe den Zusammenprall vorausgesehen und versucht auszuweichen, wobei das Fahrzeug ins Schleudern geriet und gegen den Brückenpfeiler krachte. Polnische Journalisten sprachen u.a. im Berliner Unfallkrankenhaus (UKB) mit bei dem Unfall verletzten Menschen. Hierunter auch Reiseleiter Cezary Kramek und dessen Ehefrau Ewa aus Stettin welche die tragisch endende Reise nach Spanien organisiert hatten und am Ende viel Glück hatten.

Keine Panik im Bus

Ewa Kramek erinnert sich noch gut an die Momente vor der Tragödie, erkannte aber offenbar nicht ihre tatsächlichen Ausmaße und gibt zu, dass sie viel Glück gehabt habe. Sie hat den Unfall überlebt. Mit einer gebrochenen Hand wurde sie zusammen mit vier weiteren Verletzten ins UKB Berlin transportiert. Sie spricht mit einem Journalisten des polnischen Fernsehens: "Mein Mann ging es noch besser als mir, er überstand die Katastrophe völlig unverletzt. Ich fühle mich gut, bekomme Schmerzmittel. Ich möchte aber so schnell wie möglich aus dem Krankenhaus herauskommen um die Ungeheuerlichkeit dieser Tragödie zu erfahren, die ich geistig noch nicht fühlen will. Niemand will mir sagen wie viele Menschen getötet wurden, wie viele verletzt sind. An das was ich mich erinnere ist endet zum Zeitpunkt des Unfalles, kurz danach verlor ich mein Bewusstsein. Ein Mercedes kam von einer Zufahrt herabgefahren. Unser Fahrer versuchte diesem auszuweichen und zog auf die linke Spur. Dieses Manöver endete mit der Kollision mit einem Brückenpfeiler. Die Fahrer waren wach, hatten offenbar keine Verletzungen. Auch diejenigen welche neben mir saßen standen auf und redeten miteinander. Wir haben uns bemüht uns gegenseitig einzureden, dass alles in Ordnung sei und bald Hilfe komme, doch soweit ich weiss waren die meisten Schäden im hinteren Bereich des Busses"- berichtete Ewa Kramek.

"Wir fuhren nicht schnell"

Cezary Kramek, dem nichts bei dem Unfall passierte, saß vorn neben dem Fahrer. Nach eigenen Angaben konne er den ganzen Hergang sehr gut sehen: "Grzegorz ist ein guter Fahrer. Die Mercedes- Fahrerin hatte an einem gewissen Punkt die Beherrschung über ihr Fahrzeug verloren. Wir wollten ihr auf der äussersten rechten Spur ausweichen, doch auch sie bewegte sich plötzlich in diese Richtung. Grzegorz versuchte dann zur zur äussersten linken Spur rüberzuziehen, aber da war schon kein Platz mehr. Es war kein großes Geschrei, aber dies wohl aufgrund der Höhe der Toten und Verletzten. Es war still. Wir wählten die 112.  Zunächst kam die Polizei, dann die Feuerwehr und Krankenwagen" - sagt der Reiseleiter ohne aber die angeblichen Kollisionen des Mercedes mit dem Bus zu erwähnen. Der Wagen der 37-jährigen mutmaßlichen Unfallverursacherin wurde sichergestellt, der Bus zu Dekra- Untersuchungen gebracht. Ewa Kramek hatte berichtet, dass der Bus auf der Autobahn nicht schnell, sondern eher gemählich unterwegs gewesen sei. Der Fahrtenschreiber sollte hierüber aber auch noch Auskunft geben, denn das Fahrzeug kann eigentlich nicht zum Unfallzeitpunkt langsam gefahren sein und dann zuletzt noch Manöver veranstaltet haben, da es nicht nur mit voller Wucht an dem Brückenpfeiler seine linke Seite rasierte, sondern dann sogar auch noch 70 Meter weiterfuhr.


Versicherung kümmert sich um Opfer und Angehörige

Wir hoffen, dass den Opfern der Katastrophe, wozu auch ihre Angehörigen gehören, Recht und Entschädigungen in höchstmöglichem Maße zukommen, aber auch die Schuldfrage sollte objektiv und sachlich, möglichst ohne Anregungen der Bildzeitung, geklärt werden. Erst Sieben der 13 Todesopfer wurden inzwischen identifiziert, hierunter auch ein Kind. Sie hatten nur eine einfache Reiseversicherung im Paket. Für die Angehörigen der Toten wird dies nicht einmal für die Beerdigungen ausreichen, denn nur etwa 850 Euro gibt es für den Todesfall. Versicherer Signal Iduna in Polen hat heute aber bereits freiwillig höhere Zahlungen angekündigt, was auch die Unterbringung von Angehörigen, Arzt, Transport, Tagegelder und Krankenhauskosten betrifft. Die Fahrer des Busses waren nicht mitversichert, ebenso nicht das zerstörte Fahrzeug.

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Montag, 27. September 2010
 

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