Was hatte Hitler wirklich verlangt ?

Polens Geschichte ist vor allen Dingen auch eine deutsch- polnische und europäische Geschichte. Vertreibungen, der Holocaust und die Weltkriege sind hier aktuell.
Forumsregeln
Wir weisen darauf hin, dass wir hier keinerlei Hetze zulassen und Mitglieder bzw. Verfasser solcher Beiträge umgehend löschen.

Was hatte Hitler wirklich verlangt ?

Neuer Beitragvon Alan am Mi 1. Sep 2010, 19:46

Mein Kommentar: Billige Geschichtsliteratur, teuer verkauft. Promotion durch "Die Zeit"


Es war richtig, es war anders

Der polnische Autor Tomasz Łubieński provoziert seine Landsleute. Sein neues Thema: 1939, das Jahr des Kriegsbeginns

Polens Inszenierungen des Mythos, wie 2009 ein Denkmal auf der Westerplatte, reizen Thomasz Łubieński zum Widerspruch

Polen ist in Mythen vernarrt. Mit Inbrunst werden die Helden der Aufstände auf Monumente gehievt, Polens Geschichte gerinnt zu einer langen Kette heroischer Taten. Der Historiker, Dramatiker und Essayist Tomasz Łubieński, 1938 in Warschau geboren, aber liebt es, an Mythen zu kratzen. So hat er sich vor einiger Zeit, zur Empörung vieler glühender Patrioten und vaterländischer Historiker, des Aufstands von 1944 gegen die deutschen Besatzer angenommen (wie in den siebziger Jahren schon der Aufstände gegen die Russen im 18. und 19. Jahrhundert). Łubieńskis ketzerisches Urteil: Vergeblich war der Aufstand, zu viele Opfer verlangte er, falsch von Anbeginn an!

In seinem neuen Buch 1939. Noch war Polen nicht verloren seziert er den Tag des Überfalls der Deutschen, den 1. September 1939; jetzt hat es, kein Jahr nach dem Erscheinen, der Berliner Verlag edition.fotoTapeta auf Deutsch herausgebracht (152 S., 12,80 €). Wieder schlugen die Wogen hoch. Denn, nicht wahr, selbst wenn die Nationalkonservativen eine Heldenlegende daran so recht nicht knüpfen können – zu einer Art heroischem Opfermythos taugt dieses Datum allemal. Zumal wir, die deutschen Nachbarn, aus polnischer Sicht diesen Jahrestag meist kühl ignorieren. Und jetzt kommt so ein Kleingläubiger wie Łubieński! Unerhört!


Doch Łubieńskis fulminanter Essay ist alles andere als eine »Nestbeschmutzung«. Geglückt ist ihm ein erstaunlicher schreiberischer Drahtseilakt. Von den letzten Friedensmonaten reicht das Buch bis zum 1. September 1939 und dann weiter zu Hitlers triumphalem Auftritt am 5. Oktober in Warschau. Den Wahrheiten und Legenden nähert sich der Autor-Provokateur in großen Linien wie in kleinen Schraffuren an – erläutert auch am Beispiel der eigenen Familie. Einer seiner Onkel war in dieser Phase Staatssekretär bei Außenminister Jozef Beck, zwei weitere Verwandte arbeiteten 1939 in dessen Haus, alle einschließlich des Vaters hinterließen Notizen.

Aber er nimmt deswegen kein Blatt vor den Mund. Auch die gräfliche Familie bekommt ihren Teil ab. Ein bisschen biegsam, blind, ressentimentgeladen, so ging es doch auch bei ihnen zu Hause zu. Nein, Łubieński klagt nicht einfach andere an. Verblüffend unbefangen gegen jedermann liest der Autor Spuren, ob nicht etwa Polen selbst in nahezu allen entscheidenden Augenblicken nahezu alles falsch gemacht und am Ende Hitler sein Kalkül noch erleichtert habe.

Aber der Reihe nach. Für Tomasz Łubieński hängen beide Daten zusammen: 1939 und 1944, der September und der Aufstand. Die Septemberlegende sei komplizierter, und sie sei tragisch, »weil sie der Wahrheit nah kommt«. Was hatte Hitler wirklich verlangt?, spürt er der Frage von Geschichtsrevisoren nach. Den Anschluss von Danzig ans Reich, und dann den Korridor durch Ostpreußen, eine Eisenbahnlinie und eine Autobahn, was war das schon…

Aber Łubieński sagt hier nicht wie im Fall des Aufstands fünf Jahre darauf: alles sinnlos und verkehrt! Im Gegenteil: Nach Jahren reiflicher Überlegung sei er zu der Überzeugung gelangt, »dass Minister Beck (was er auch immer als Minister wert war), als er sich als erster Politiker in Europa, also auf der Welt, im Namen Polens und in seinem eigenen Namen Hitler entgegenstellte, recht daran getan hat«. Die Nation habe mit Niederlage und Untergang bezahlt, die riskante Entscheidung fiel in fataler militärischer Situation und ohne funktionierende Bündnisse. Und dennoch: Sie war ein Protest »gegen die nicht nur aggressive, sondern auch verbrecherische Ideologie, deren letzte Konsequenz Vernichtung war«.

Diese Einsicht hindert Łubieński nicht, zu fragen. Hätten Polens Politiker sich vielleicht taktisch mit Hitler verbünden sollen? Er zögert. Nein, vermutlich hätte Hitler die Polen nur als »Kanonenfutter« betrachtet, das »Überlegenheitsgefühl gegenüber den Slawen« war für die Nazis wie für die Preußen selbstverständlich. Aber, nicht wahr, der in Polen verbreitete Antisemitismus zumindest hätte doch eine ernsthafte »Verständigungsebene« bieten können, oder? »Es lässt sich nicht ausschließen, dass Hitler, wenn er über Polen nachdachte, wenn er ihm, natürlich hinterlistige, Avancen machte, auch eine Art Schwäche für Polen zeigte, die vielleicht vorübergehend und nicht uneigennützig gewesen sein mag. Aber gewisse Dinge konnten Hitler in Polen gefallen.«

Ja, die polnische Armee, die hätte Hitler gegen Russland gut gebrauchen können, aber »alles Schöne« an Polen war ihm fremd – »die Gastfreundlichkeit, die Küche, die Frauen, die Pferde, die Blumen, die Bälle, die Jagden«. Der dicke Göring hingegen, der sich vor Hitler fürchtete, das war ein anderer Fall: Hitler ließ ihn mit Polen locker diplomatisieren, »und für die versnobte Warschauer High Society war Göring jemand«. Sein Taufpate: ein Baron! Er selber ein Ass der Luftwaffe und einer, der gern polnische Luchse und Wildschweine schoss! Die geliebte Jagd in Białowieża! Deutschland brauche ein starkes Polen, sagte er gern.

Da konnte es eben passieren, so gibt Łubieński zu verstehen, dass Beck, Außenminister seit 1932, ein bisschen großzügig darüber hinwegsah, wie Hitler und Göring mit Österreich umgesprungen waren und was der »Anschluss« für diesen Nachbarn bedeutete. Um den »Anschluss« der Tschechoslowakei, fügt er hinzu, habe Beck sich noch weniger, habe er sich »überhaupt nicht geschert«. Im Gegenteil, die eigenen Ressentiments gegen den »Kleinstaat« Tschechoslowakei seien ihm wichtiger gewesen als »Weitsichtigkeit«.

Beck als Chiffre: Leider glaubte er »mehr an sein Prestige und Talent als an einen Krieg«. Am 5. Mai 1939 im Sejm aber stellte sich ausgerechnet dieser Beck, Offizier und Calvinist, Hitler entgegen, der den Nichtangriffspakt aufgekündigt hatte und offen mit einem Ultimatum an Warschau drohte: Inmitten des komplizierten europäischen Spiels von Bündnissen, Klauseln, Rückversicherungen, Geheimprotokollen reagiert ein Einziger klar und unmissverständlich.

Jetzt kommt Łubieńskis Onkel ins Spiel. Dessen Aufzeichnungen sind seit 2009 zugänglich. Dieser Onkel, Becks Kanzleichef, kannte die Schwächen des Außenministers, seine Illusionen und Ängste, häufig teilte er sie sogar. Er ist nicht weitsichtiger, nur widerspricht er Becks Illusion, Polen könne »Großmacht« spielen. Auch er blendet die Bedrohung durch Russland aus. Beide glauben sie, Italiens Diktator Benito Mussolini auf ihre Seite ziehen zu können. Die Aufzeichnungen relativieren manche schöne Legende. So habe Beck Hitler mitnichten heftig widersprochen (Danzig sei polnisch – »das ist eine Sache der Ehre für meine Nation«), als der »Führer« ihn am 3. Januar 1939 auf dem Obersalzberg zum Tee empfing. Von der Geschichte stimme nur der Tee. Beck habe sich illuminiert. Unumstritten ist, dass die Herren dann noch über Kunst parlierten. Aber in der polnischen Delegation kannte sich leider »niemand mit Kunst aus«.

Im Übrigen: Von der Demokratie hielt auch Beck nicht allzu viel. Und seine »militärische Unkenntnis« stand der »vieler hoher Offiziere des aktiven Dienstes in nichts nach«. Vom Präsidenten bis zu den Generälen – in den dramatischen Augustwochen genossen alle wie gewohnt das Leben, den schönen Sommer, »in Liebesdingen sehr rege«.

Wachten wenigstens die Dichter? Manche besangen Rosen, andere wie Zuzanna Ginczanka fühlten sich besser in die Stimmung hinein: Es gebe »Zeichen, dass Krieg kommen wird, die Bahn des Kometen spricht; es gibt Zeichen, dass Liebe kommen wird, Herz, Schwindel«. Łubieński: »Es gab nur keine Zeichen, dass die Vernichtung kommen würde und dass Zuzanna Ginczanka von deutscher Hand sterben würde.«

Wie in jedem Jahr halsen die Segelboote über den Trakai-See, Pfadfinder begeben sich auf Wanderschaft, die Kurgäste reisen in die Bäder. Noch am 31. August ruft Beck den Oberbefehlshaber an und beruhigt ihn: »Heute Nacht können wir ruhig schlafen.« Wenige Stunden später legen deutsche Flugzeuge das Städtchen Wieluń nordwestlich von Tschenstochau in Schutt und Asche, Polens Guernica, und die Geschütze der Schleswig-Holstein beschießen die Westerplatte. Es begann im September, resümiert Łubieński und fragt: Wann war es zu Ende? Seine Antwort, lakonisch: Im Juni 1989, mit dem Beginn der Demokratie. Das haben wir uns erkämpft, »wir, das Volk«. Das wäre zu feiern! Alles andere, das Septemberdatum oder der Aufstand 1944, befriedige nur Ersatzgefühle, es befördere das »Schwelgen im Martyrium«.

Was für ein großes kleines Buch! Eine Einmischung in die Politik, ein Anstoß, genau hinzusehen. Nein, zum heroischen Typus der »siegreichen Niederlage« taugt der 1. September nicht. Vieles war falsch, fragwürdig, kurzsichtig und engstirnig in Polen. Und doch: Das einsame Nein an Hitlers Adresse war hoffnungslos richtig.
Alan
 
Beiträge: 29
Registriert: Sa 28. Aug 2010, 22:25

Zurück zu Geschichtliche Themen

cron