WARSCHAU - Bei den polnischen Bahnen PKP und PKP- Intercity ist hektische Nervösität nicht zu übersehen, denn mit der Liberalisierung des Bahnverkehrs in der Europäischen Union droht, welche am 1. Januar diesen Jahres in Kraft trat, droht den polnischen Personenbeförderern sehr ernstzunehmende Konkurrenz, allen voran die Deutsche Bundesbahn, die sich ohne Zeitverlust neue Strecken sichern möchte und nun nur noch auf die Genehmigung einer schon beantragten Lizenz beim Eisenbahntransport- Amt wartet. Wenn für die Deutschen alles gut läuft, könnten Reisende spätestens ab Frühherbst, auch in Polen, in den Genuss deutscher Solidität im Personenverkehr kommen. Scharf ist die Bundesbahn vor allen Dingen auf die Strecken von und nach Warschau, Gdynia, Kattowitz, Krakau und Posen. Die Schlacht der Bahnen wird hart werden, denn auch die polnische PKP hat etwas vorzügliches zu bieten, nämlich absolut niedrige Preise.
Der absehbare Einsatz von deutschen Personenzügen in Polen dient natürlich dem Zweck der Bundesbahn höhere Gewinne zu bescheren. Für Bahnreisende bedeutet die wachsende Konkurrenz aber mindestens ebensoviel, denn durch den Wettbewerb kann man mit Preissenkungen und deutliche Verbesserung des Fahrkomforts rechnen. Polen ist für den Personenverkehr der Deutschen Bahn, ohne Frage sehr interessant, aber wer in deren Vorstandsetagen von kurzfristige Gewinnen träumt oder gar damit rechnet, sollte den geplanten Einstieg in den polnischen Markt besser noch einmal überschlafen, denn Preise für Einhundert Kilometer Bahnfahrt, wie z.B. von Berlin nach Leipzig für 50 Euro im ICE wird zumindest kein Pole zahlen, da die gleiche Streckenlänge mit dem Taxi nur die Hälfte kostet und der PKP sogar nur umgerechnet knapp 3 Euro.
Aber das werden die Manager der Deutschen Bahn sicherlich auch wissen und in dieser Frage, wie bereits die Lufthansa, auf Kooperation mit Billiganbietern setzen, was ja eigentlich dann nur die polnische Bahn sein kann. Der Reisende der also von Hamburg nach Krakau in einem Rutsch mit der Bundesbahn fahren will, wird kaum in den Genuss von Ermäßigungen kommen, auch wenn er kurz hinter der Grenze dann plötzlich in einen polnischen Zug hineingeschoben wird. Ähnliche Praktiken sind im "Polen Geschäft" der Deutschen Bahn schon jetzt üblich, nur kaum bekannt, da die meisten Deutschen mangels fehlender Sprachkenntnisse garnicht mitbekommen, dass sie möglicherweise übervorteilt werden.
Ein gutes Beispiel ist eine Fahrt mit einem polnischen Regionalexpress von Frankfurt an der Oder bis ins etwa 170 Kilometer entfernte Posen. Am Ticketschalter der Bundesbahn muss man in der Regel hierfür knapp 20 Euro hinblättern. Geht man aber clevererweise ein paar Meter über die Oderbrücke ins polnische Slubice und steigt dort in den gleichen oder einen ähnlichen Zug nach Posen, kostet diese Fahrt nicht einmal 5 Euro. Manche steigen natürlich auch in Frankfurt ohne Fahrkarte in diesen Zug ein und zahlen beim polnischen Schaffner genausowenig, fraglich ist allerdings ob dies legal ist. Fragwürdig scheint aber ebenso, ob die Bundesbahn hier nicht etwas sehr dubios, das Dreifache des polnischen Fahrpreises, als Gebühr kassiert.
Bisher betreiben Bundesbahn und PKP-Intercity schon seit geraumer Zeit gemeinsam die Strecke von Berlin nach Warschau. Dies aber nur mit dem Berlin-Warschau-Express. Kosten und Gewinne teilt man sich artig. Als sichere nächste gemeinsame Verbindung gilt auch die Trasse von Berlin nach Kolobrzeg (Kolberg), eine entsprechende Vereinbarung wurde bereits zwischen DB Regio und PKP- Intercity unterzeichnet. In Fragen der Pünktlichkeit, Service und Komfort der Züge haben die Deutschen bekanntlich die Nase weit vorn. Polnische Züge sind oft überfüllt und meist auch nicht pünktlich. Die ersten Umsteiger werden aber dennoch wohl vorläufig nur Leute sein die sich diesen Luxus von westlich der Oder erlauben können, wenn es die Bundesbahn nicht versteht eine adäquate Preis- und Kostenpolitik in Polen zu betreiben, welche am Ende auch die erhofften Gewinne bringen.
Erst einmal freuen sich alle polnischen Reisenden auf das neue Angebot aus dem Westen. Man wird sehen, was die Bundesbahn aus dieser neuen historischen Chance macht. Wir wünschen ihr auf jeden Fall viel Erfolg mit erträglichen Preisen und Fairness gegenüber der Konkurrenz und den Fahrgästen.
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Verlotterung unsere Eisenbahn
Kommentar von: Gudrun Merkel () Publiziert am 10-01-2010 20:26