Über drei Tonnen der berühmtesten Mauer Europas werden in den kommenden Tagen an die polnische Ostgrenze transportiert wo sie in den Gemeinden Miedzyrzec Podlaski und Kobylan als Mahnmale gegen eine wiederholten Teilung der Völker aufgestellt werden sollen. Dieses Geschenk hat der Landrat von Oberhavel in Brandenburg Karl-Heinz Schröter (SPD) für Partnergemeinden in Polen organisiert und hoffte damit eine gute Tat im Sinne der Versöhnung zu erbringen. Doch die Andenken aus Deutschland stossen nicht überall auf Zustimmung und der Präsident der Stadt Biala Podlaska in dessen Regierungsbezirk auch die beschenkten Gemeinden liegen, will die Fragmente der Berliners Mauer nicht einmal annehmen. Er argumentiert dass man in Polen sei und nicht in Deutschland. "In Danzig hat man den Kommunismus besiegt und nicht in Berlin. Die Deutschen sollen sich gefälligst daheim Mauersteine von der Danziger Werft aufstapeln" - begrüßte Stadtoberhaupt unterstreicht Andrzej Czapski die anrollende nette Geste aus Brandenburg.
Oberhavel-Landrat Karl Heinz Schröter lässt sich aber möglicherweise nicht von den Aussagen des Präsidenten von Biala Podlaska beeindrucken und wird wie geplant am 27. März den Transport der Mauer- Fragmente nach Terespol und Biala Podlaska auf die Reise schicken, von wo aus sie dann durch einheimische Arbeiter an ihrem endgültigen Platz transportiert werden sollen. Die Bewohner der Gemeinden in denen die Mauerteile aus Berlin stehen sollen sind allerdings sehr zufrieden mit dem Geschenk aus der deutschen Haupstadt. Sie versprechen sich dadurch auch ein wenig mehr touristische Anziehungskraft für ihre Region und Abwechslung bei ihren eigenen Fahrradtouren in die Umgebungen von Miedzyrzec Podlaski und Kobylan. "Wir können uns nun vor den Touristen schon ziemlich loben, denn wir haben nun bald neben der Badestelle und dem Skihang auch echten deutsch-sowjetischen Beton vorzuweisen. Ausserdem noch eine Pulverfabrik und Befestigungen aus dem Jahre 1914" - freut sich der Stadtkämmerer von Miedzyrzec Podlaski.
Was der Stadtkämmerer von Miedzyrzec Podlaski allerdings nicht wusste oder erwähnte war das ehemalige jüdische Ghetto dieser Stadt. Es wurde bis 1943 als Transfer-Lager genutzt und war mit zeitweise bis zu 20 000 Menschen belegt. Im Sommer 1943 wurde das Ghetto durch deutsche und polnische Polizei-Einheiten geräumt, wobei die letzten etwa 200 Bewohner am 17. Juli 1943 erschossen und Międzyrzec Podlaski für "judenfrei" erklärt wurde. Das Ende der Naziherrschaft erlebten weniger als ein Prozent der jüdischen Bewohner. Dennoch ist es sicherlich kein Makel an diesem Ort ein Stück Unfreiheit als Warnung aufzustellen, denn die Berliner Mauer nimmt einen besonderen Platz in der europäischen Geschichte ein, denn sie galt Jahrzehntelang als Mahnmal der "Unterdrückung und des Eingesperrtseins", die ja auch früher der jüdischen Bevölkerung Europas, meist kurz vor ihrem Tode, grausam wiederfahren war. Eine ganz andere Bedeutung hat die Danziger Werft in der Geschichte. Sie gilt als Zeichen der "Befreiung" von der Unterdrückung. Von hier aus hatte Arbeiterführer Lech Walesa, gemeinsam mit dem polnischen Papst in Rom und einer Milliarde US Dollar vom amerikanischen Geheimdienst CIA, den Untergang des Sowjetreiches beschleunigt und Millionen Menschen zur Freiheit verholfen.
Auch wir danken Herrn Landrat Schröder und seinen Unterstützern für sein aussergewöhnliches Engagement.
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